Verletzbarkeit von Gebäuden

Hochwasserangepasstes Bauen

Strategie "Ausweichen"

Strategie "Widerstehen"

Strategie "Anpassen"

 

 

Verletzbarkeit von Gebäuden

Hochwasser gefährden Gebäude und Infrastrukturanlagen auf verschiedene Arten. Daher sollen Hochwasser bereits beim Planen und Bauen entsprechend berücksichtigt werden, um im Falle eines Hochwassers Schäden so weit wie möglich zu vermeiden.

Bei der Entwicklung eines Schutzkonzeptes gegen Hochwasser für Gebäude oder Gebäudekomplexe müssen alle Eindringpfade des Wassers analysiert und beachtet werden (vgl. Abbildung). In der Regel dringt das Hochwasser zuerst über tief liegende Öffnungen, Kellerfenster und Kellerschächte und schließlich über Türen und Fensteröffnungen in das Gebäude ein. Allerdings ist je nach verwendeten Baumaterialien auch eine Durchsickerung der Wände nicht auszuschließen.

Im Gegensatz dazu dringt ansteigendes Grundwasser zuerst durch die Bodenplatte und die Kellerwände in das Gebäude ein. Vor allem Löcher in den Wänden, die zur Durchführung von Leitungen (z.B. Strom, Gas, Telefon, Trinkwasser, Abwasser) dienen, begünstigen das Eindringen von Grundwasser in das Gebäude.

Zusätzlich sind Gebäude dadurch gefährdet, dass über den Hausanschluss zur Ortsentwässerung Rückstauwasser aus der Kanalisation Probleme verursachen kann. Dabei dringt Mischwasser aus der Kanalisation z.B. über Bodenabflüsse, Duschwannen oder die Toilettenanlage in das Gebäude ein (DWA-M 2013).

Wassereintrittsmöglichkeiten bei Gebäuden [Quelle: BMVBS, 2010/2013]

Gebäude und Infrastrukturanlagen können in vielfältiger Weise von Hochwasser beeinträchtigt bzw. geschädigt werden. Dabei treten typischerweise folgende Schäden auf:

  • Feuchte- und Wasserschäden an Gebäuden und deren Inhalt
  • Beeinträchtigung der Gebäudenutzung (bei Wohngebäuden v.a. durch starke Einschränkung der Versorgung, bei Gewerbe- und Industriebetrieben v.a. durch die ggf. Unterbrechung der wirtschaftlichen Tätigkeiten)
  • Gefährdung der Standsicherheit des Gebäudes durch Auftrieb- und Wasserdruckkräfte (vgl. Abbildung) sowie Baugrunderosion
  • Kontamination durch wassergefährdende Stoffe wie z.B. Heizöl
  • Schäden am Gebäude durch Anpralllasten von Strömung und Treibgut

 

Einwirkungen auf ein Gebäude [Quelle: BMVBS, 2010/2013]

Hochwasserangepasstes Bauen

Innerhalb der Hochwasservorsorge eröffnet die Bauvorsorge oder das hochwasserangepasste Bauen und Sanieren die Möglichkeit, durch eine angepasste Bauweise und Ausrüstung der Gebäude mit dem Hochwasserrisiko zu leben. Es kann durch eine Kombination unterschiedlicher Maßnahmen zu einem wirkungsvollen gebäudebezogenen Hochwasserschutz beitragen. Mithilfe dieser Maßnahmen und Strategien (Abbildung) können sowohl im Neubau, in der Lückenbebauung im Bestand, als auch in der Sanierung bestehender Bebauung, die Verletzbarkeit bzw. Vulnerabilität von betroffenen Gebäuden und Werten gegenüber Hochwasser gesenkt und deren Resilienz, also ihre Widerstandskraft, gestärkt werden.

 

 

Strategie "Ausweichen"

Die beste Möglichkeit um Hochwasserschäden zu vermeiden, ist es, dem Hochwasser auszuweichen, indem darauf verzichtet wird, Gebäude im hochwassergefährdeten Bereich zu errichten. Dies kann zum Beispiel durch eine erhöhte Bauweise verwirklicht werden, indem die Gebäude aus dem Gefahrenbereich herausgehoben werden, was entweder durch die Errichtung auf einer Anhöhe oder auf Stelzen erfolgen kann. Eine weitere Möglichkeit dem Hochwasser auszuweichen, bietet der Verzicht auf Unterkellerung.

Diese häufig durch Aufstelzung umgesetzte Strategie findet bereits in vielen Überschwemmungsgebieten Berücksichtigung. Beispiele finden sich in der Hamburg Hafen City oder auch in Frankfurt Westhafen.

 

 

Strategie "Widerstehen"

Die Strategie des Widerstehens zielt darauf ab, dass kein Wasser in das Gebäude eindringen kann und es ein Hochwasser ohne Gebäudeschäden überstehen kann. Diese Strategie ist meist nur bei Neubauten möglich und kann zu sehr hohen Kosten führen, was sie im Hinblick auf eine Nutzen-Kosten-Analyse nur beschränkt umsetzbar macht. 

Voraussetzung für die Anwendung der Strategie des Ausweichens ist die ausreichende Standsicherheit des Gebäudes. Daher muss durch den Tragwerksplaner eine statische Überprüfung der Auftriebssicherheit durchführt werden. Ist die Auftriebssicherheit bei den zu berücksichtigenden Wasserständen nicht gegeben, so muss vor allem die Gründungssohle gegen Aufschwimmen oder Aufbrechen gesichert werden. Zudem müssen einzelne Gebäudeteile wie zum Beispiel Böden und Wände so bemessen sein, dass sie bei Hochwasser dem erhöhten Wasserdruck standhalten. Um sicherzugehen, dass die statischen Randbedingungen für die Anwendung der Strategie des Widerstehens vorliegen bzw. geschaffen werden können, wird empfohlen einen Sachverständigen zu Rate zu ziehen, der mit der Hochwassergefährdung am Standort vertraut ist.

Beim Widerstehen können die zwei Schutzmaßnahmen Abschottung und Abschirmung unterschieden werden. Während die Abschottung von Gebäuden unmittelbar an den Öffnungen des Gebäudes ansetzt, werden Maßnahmen zur Abschirmung in einem entsprechend der Gegebenheiten der Örtlichkeit gewählten Abstand installiert.

Maßnahmen zur Abschirmung gegen Oberflächenwasser

Stationäre Hochwasserschutzanlagen wie z.B. Deiche, Erdwälle oder Mauern führen zu einer Beeinträchtigung der Grundstücksnutzung sowie zu einem dauerhaften Eingriff in das Stadt- oder Landschaftsbild und können sogar ein verkehrstechnisches Hindernis darstellen. Aufgrund ihrer hohen Investitionskosten werden stationäre Hochwasserschutzanlagen überwiegend im öffentlichen oder betrieblichen Hochwasserschutz eingesetzt. Im privaten Bereich bietet sich eher die Umschließung des Gebäudes mit Mauern oder kleinen Erdwällen an. Als preiswerte Alternative können bei geringen Wasserständen auch Sandsackdämme aufgebaut werden.

Als teilmobile Hochwasserschutzanlagen werden Verbundkonstruktionen bezeichnet, z. B. die Kombination aus einem mobilen Dammbalkensystem und einem ortsfesten Fundament. Im Vergleich dazu handelt es sich bei mobilen Hochwasserschutzwänden in der Regel um transportable Dammbalken, die aufgrund der Statik nur bis zu einer Höhe von ca. 2,5 Metern in die dazugehörigen Haltekonstruktionen eingebaut werden sollten. Die mobilen Hochwasserschutzwände müssen aufbaubereit gelagert und deren Aufbau regelmäßig geübt werden, damit im Hochwasserfall das System uneingeschränkt funktionsfähig ist. Der Aufbau mobiler Hochwasserschutzanlagen erfordert ausreichende Vorwarnzeiten und kontinuierliche finanzielle Aufwendungen zur Lagerung und Instandhaltung. Die Abschirmung gegen Oberflächenwasser ist nur dann sinnvoll, wenn auch ein ausreichender Schutz des Gebäudes gegenüber eindringendem Grundwasser und Rückstauwasser aus der Kanalisation hergestellt werden kann.

Maßnahmen zur Abschottung gegen Grundwasser

Maßnahmen zur Abschottung gegen Grundwasser setzen direkt am Gebäude an. Um das Gebäude vor eindringendem Grundwasser abzuschotten, können Untergrundabdichtungssysteme in Verbindung mit einem Drainagesystem (ggf. mit Pumpen) verwendet werden. Es können zwei Abdichtungskonzepte zum Schutz vor eindringendem Grundwasser unterschieden werden: Zum einen Konzepte mit gesonderter Flächenabdichtung auf den Außenflächen einer Rohbaukonstruktion (Schwarze Wanne), zum anderen kann die Abdichtung gegenüber Grundwasser in Form einer Rohbaukonstruktion, die zusätzlich zur tragenden Funktion auch Aufgaben der Abdichtung übernimmt (Weiße Wanne), verwirklicht werden. 

 

"Schwarze Wanne" Außendichtung [Quelle: BMVBS, 2010/2013]

 

"Schwarze Wanne" Innendichtung [Quelle: BMVBS, 2010/2013]

 

"Weiße Wanne" [Quelle: BMVBS, 2010/2013]

Schwarze Wannen sind systematische Konstruktionen aus Außenwänden und Bodenplatten, die an Ihrer Außenseite eine vollständige Flächenabdichtung aufweisen, welche drückendem Wasser widerstehen kann. Zur Auswahl geeigneter bahnenförmiger Bauwerksabdichtungen gegen von außen drückendes Wasser werden die folgenden Parameter  herangezogen:

  • Auswahl geeigneter Abdichtungsmaterialien für den zu betrachtenden Lastfall wie z.B. Bitumenbahnen, Bitumen-Schweißbahnen bzw. Kunststoff- und Elastomerbahnen,
  • Festlegung einer hinreichenden Anzahl und einer Mindestdicke für die Abdichtungslagen sowie
  • Festlegung eines geeigneten Einbauverfahrens für die Abdichtung.

Als Weiße Wanne werden systematisch gefugte Bodenplatten und Außenwände aus Stahlbeton bezeichnet, die als wasserundurchlässige Bauteile ausgeführt werden. Die wesentlichen Parameter für eine qualitätsgerechte wasserundurchlässige Konstruktion lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • besondere Anforderungen an Beton im Hinblick auf seine Festigkeitsklasse, Expositionsklasse, Rezeptur, Konsistenz und Verarbeitung, welche zusammen den Wassereindringwiderstand erhöhen,
  • die Einhaltung von Mindestdicken für Wände und Bodenplatten,
  • die zielgerichtete Planung der Bewehrung für nachhaltig rissarme bzw. rissfreie Stahlbetonbaueile, welche auf diese Weise den Wassereintritt erschweren sowie
  • die systematische Planung und Durchführung fachgerechter Konstruktionen für Fugen und Durchdringungen.

Die Installation einer Schwarzen Wanne in einem Bestandsgebäude ist grundsätzlich möglich. Im Vergleich zur Weißen Wanne sind die bautechnischen Eingriffe von geringerer Intensität. Allerdings wird die Wirtschaftlichkeit dieser Maßnahme aufgrund der notwendigen umfangreichen Bauleistungen insbesondere im Bereich der horizontalen Abdichtungsflächen, am Anschluss zu Streifen- und Punktfundamenten sowie im Übergangsbereich zwischen vertikalen und horizontalen Abdichtungsflächen in der Baupraxis häufig negativ zu beurteilen sein. Die nachträgliche Ausführung einer Weißen Wanne bei Bestandsgebäuden spielt aus wirtschaftlichen Gründen in der Praxis keine Rolle.

Maßnahmen zur Abschottung gegen Rückstauwasser aus der Kanalisation

Hochwasser bewirkt in der Regel einen steigenden Wasserspiegel in der Kanalisation. Dies ist entweder auf eine Überlastung des Kanalnetzes durch große Regenmengen oder auf einen Rückstau aufgrund des hohen Wasserstands im Vorfluter zurückzuführen. Wenn im Gebäude keine Sicherungseinrichtungen wie z.B. Rückstauklappen, Absperrschieber oder Abwasserhebeanlagen installiert wurden, so staut sich das Wasser durch die Abflussleitungen und Hausanschlüsse bis ins Gebäudeinnere zurück. Dies ist der Fall, sobald das Wasser über die Rückstauebene hinaus ansteigt. Die Rückstauebene ist definiert als Niveau des maximal möglichen Wasserspiegels im Kanalnetz bei Rückstauereignissen in nicht hochwassergefährdeten Gebieten und wird von der örtlichen Behörde festgelegt. In der Regel entspricht die Rückstauebene der Höhe der Straßenoberkante an der Anschlussstelle. Jedoch ist in hochwassergefährdeten Gebieten nicht die Rückstauebene, sondern der Hochwasserstand für einen Rückstau in der Kanalisation entscheidend, da der Wasserspiegel im Kanalnetz bis zum Hochwasserstand ansteigen kann.

Rückstauverschlüsse und Abwasserhebeanlagen verhindern das Eindringen von Wasser durch das Abwassersystem. Bei einer Hebeanlage wird das Abwasser mithilfe von Pumpen über die Rückstauebene hinaus angehoben und fließt dann von dieser Höhe in die ableitende Sammelleitung. Im Vergleich dazu unterbrechen Rückstauverschlüsse den Durchfluss in rückstaugefährdete Abwasserleitungen durch Klappen, Absperrschieber oder Quetschventile. Bei Neubauten sind Rückstauverschlüsse mittlerweile grundsätzlich zu berücksichtigen, während bei Bestandsgebäuden ein nachträglicher Einbau einen erhöhten Aufwand nach sich zieht. Rückstausicherungen müssen regelmäßig gewartet werden, um deren Funktionsfähigkeit dauerhaft zu gewährleisten.

Nachträglich eingebaute Rückstauklappe in einem Altbau am Rhein

 

Schutzmaßnahmen bei der Gebäudeentwässerung [Quelle: BMVBS, 2010/2013]

Maßnahmen zur Abschottung gegen Oberflächenwasser

Wenn das Gebäude ausreichend vor eindringendem Grundwasser und Rückstauwasser geschützt ist, sollten weiterhin Türen und Fenster als potenzielle Eindringpfade abgeschottet werden. Die Sicherungsmöglichkeiten von Fenstern und Türen reichen von einfachen Eigenkonstruktionen bis hin zu komplexen und zum Teil sogar automatisch arbeitenden Systemen, die vielfältig am Markt angeboten werden. Die Randbedingungen für die Installation von Eigenkonstruktionen oder kommerziellen Systemen sind abhängig von der geometrischen Abmessung der abzuschottenden Öffnung, den Befestigungsmöglichkeiten am Gebäude und der Einstauhöhe bei Hochwasser bzw. der hydrostatischen und hydrodynamischen Wirkung auf das Gebäude.

Werden bei Hochwasser nur geringe Belastungen des Gebäudes erwartet, so können Sandsäcke einen ausreichenden Schutz bieten. Alternativ können zum Schutz vor eindringendem Oberflächenwasser auch Holz-, Kunststoff- oder Stahlplatten (z.B. Schaltafeln) mit Schrauben an den Wänden vor den Öffnungen befestigt werden. Dabei empfiehlt es sich eine Dichtung aus Kunststofffolie oder Moosgummi zwischen der Wand und der Platte einzubauen. Die Dichtung kann auch mit aufgespritztem Silikon erfolgen, wobei schwer zu entfernende Silikonspuren auf den Wänden zurückbleiben können.

Zur Abschottung von Fenstern und Türen lassen sich zwei kommerzielle Systeme unterscheiden. Zum einen gibt es Systeme, die permanent vor Ort eingebaut werden und zum anderen können Systeme genutzt werden, bei denen die Hauptbestandteile nur im Hochwasserfall installiert werden und lediglich die für den Einbau im Hochwasserfall erforderlichen Bestandteile stationär an den zu schützenden Öffnungen eingebaut werden. 

Unter den vor Ort eingebauten Systemen werden in der Regel Torsysteme vor Türen, Toren oder Fenstern verstanden, die im Hochwasserfall seitlich zugeklappt, heruntergefahren oder zugeschoben werden können. Der druckwasserdichte Verschluss des Torsystems ist erforderlich für die Funktionsfähigkeit. Der Auf- und Abbau dieser Systeme erfolgt entweder von Hand oder maschinell. Als Materialien kommen feuerverzinkter Stahl, Aluminium oder in selteneren Fällen Kunststoff oder Verbundglas zum Einsatz. Optimal sind vor Ort eingebaute Systeme, die pegelgesteuert automatisch arbeiten, indem sie sich selbst bei einem festgelegten für das Gebäude kritischen Hochwasserstand verschließen.

Abschottung eines Gebäudes durch ein vor Ort eingebautes Torsystem

Die zweite Gruppe der kommerziellen Systeme bilden Dammbalken bzw. Dammbalkensysteme. Dabei werden die Dammbalken oder Dammtafeln mit den Dichtungen an den eingebauten Wand- und Bodenanschlüssen mithilfe von Verschraubungen angebracht. In der Regel werden die Dammbalken vom Hersteller in Standardmaßen angeboten, es können jedoch auch auf das jeweilige Gebäude angepasste Elemente hergestellt werden. Ebenso wie bei den vor Ort eingebauten Systemen muss der Hersteller Informationen zur Belastbarkeit der Dammbalken mitliefern. Nach dem Einsatz empfiehlt es sich die Dichtungen zu kontrollieren, zu reinigen und gegebenenfalls zu ersetzen.

Vor allem temporäre Maßnahmen zum Objektschutz und zum Verschluss von Eindringwegen sind im privaten Einsatzfeld nur bedingt geeignet. Hier ist zu bedenken, dass für Lagerung, Unterhalt und Aufbau geeignete Maßnahmen zu treffen sind, die auch nach einem Eigentümerwechsel noch funktionieren müssen (Weitergabe der Informationen!). Zu berücksichtigen ist in jedem Fall die Notwendigkeit, rechtzeitig über ein Hochwasser informiert zu sein. Ohne eine ausreichende Hochwasservorhersage ist ein rechtzeitiger Aufbau nur schwer zu realisieren.

Die Strategie Widerstehen ist grundsätzlich nur bis zu einer definierten Bemessungsgrenze umsetzbar. Wird diese Bemessungsgrenze – z.B. ein festgelegter Wasserstand – überschritten, kann es zum Eindringen von Wasser in das Gebäude kommen. Für diesen Fall muss die Strategie Widerstehen durch geeignete Maßnahmen der Strategie Anpassen ergänzt werden.

Strategie "Anpassen"

Beim Anpassen wird versucht mit dem Wasser zu leben, anstatt das Wasser vom Gebäude fernzuhalten. Dazu wird das Wasser bewusst in das Gebäude eingelassen und durch eine angepasste Bauweise Schäden bei der Überflutung des Gebäudes minimier und der Zustand vor dem Hochwasser schnell wieder hergestellt. Diese Strategie kann oft auch durch Nachrüstungen im Gebäudebestand umgesetzt werden. 

Schutz vor Wasserdruck und Auftriebskräften

Steigt der Wasserstand außerhalb des Gebäudes, so steigt auch der statische Wasserdruck auf das Mauerwerk und die Bodenplatte. Wird dieser Druck zu groß, können schwerwiegende Schäden am Gebäude auftreten wie z.B. das Aufbrechen der Bodenplatte oder das Versagen der Seitenwände. Wenn die Wände dem Druck des Wassers standhalten und die Summe der Gebäudelasten nicht ausreichen, um den Auftriebskräften des Wassers entgegenzuwirken, so kann es auch zum Aufschwimmen des Gebäudes kommen. Daher ist es bei Gebäuden, die nicht auftriebssicher sind oder Gebäudeteilen, die nicht auf den zusätzlichen Wasserdruck bemessen sind, sinnvoll, zum Kräfteausgleich das Wasser eindringen zu lassen. Auf diese Weise wird einerseits die Gebäudelast um das Gewicht des eindringenden Wassers erhöht, sodass das Aufschwimmen des Gebäudes verhindert wird und andererseits ein Ausgleichsdruck zu den Wasserdruckkräften erzeugt, sodass keine schwerwiegenden Schäden an der Bodenplatte und an den Außenwänden verursacht werden.

Die Anordnung von Flutungsöffnungen zum planmäßigen und kontrollierten Fluten eines Gebäudes zielt darauf ab, die Sicherheit der gesamten Konstruktion zu gewährleisten. Dabei sollten die Öffnungen gezielt auf die Standsicherheitserfordernisse sowie höhen- und lagemäßig unter Berücksichtigung der Gebäudefunktionalitäten angeordnet werden.

Bei eindringendem Hochwasser können weiterhin Schäden an der Inneneinrichtung, der technischen Gebäudeausrüstung und der Bausubstanz entstehen, wenn nicht entsprechende Vorsorgemaßnahmen getroffen wurden. Bleibende Schäden an der Bebauung werden häufig nicht direkt durch das eindringende Wasser, sondern vor allem durch die mit dem Hochwasser mitgeführten Wasserinhaltsstoffe und Sedimente verursacht. Durch eine kontrollierte Flutung mit Leitungswasser oder gefiltertem Wasser können Schäden durch verunreinigtes Wasser vermieden werden. Dabei sollte immer ein gewisses Maß an Überstau eingestellt werden, um zu verhindern, dass trotz gezielter Flutung verunreinigtes Wasser in das Gebäude gelangen kann.

Auswahl wasserbeständiger Baustoffe

Entscheidet man sich für die Strategie des Anpassens, so sollten die Räume, die von der Flutung betroffen sind, in ihrer Bauweise entsprechend gestaltet werden. Dabei ist grundsätzlich die Verbundwirkung (z.B. der Schichtenaufbau einer Deckenkonstruktion) zu berücksichtigen (vgl. DWA, 2014). Die Verwendung wasserbeständiger oder wasserunempfindlicher Materialien sowie deren zielgerichtete Integration in die Konstruktionsschichten eines Gebäudes sind zur erfolgreichen Umsetzung der Strategie des Anpassens unbedingt erforderlich. Zudem müssen diese Maßnahmen an unterschiedlichen Konstruktionselementen eines Gebäudes sinnvoll kombiniert werden. Diese komplexe Planungsaufgabe muss einem ausgewiesenen und qualifizierten Fachingenieur übertragen werden. Grundsätzlich sind der Wassereindringwiderstand, der Wasserdiffusionswiderstand und die Porosität als wesentliche bautechnische Parameter zur Auswahl geeigneter Baustoffe zu berücksichtigen, da diese das Durchdringungs- und Trocknungsverhalten eines Baustoffes maßgeblich bestimmen.

Es sollten solche Baustoffe verwendet werden, die im eingebauten Zustand nicht oder nur gering wasserempfindlich sind, d.h. dass sie von Feuchtigkeit nicht zerstört oder in ihren Eigenschaften beeinträchtigt werden. Dazu zählen z. B. Beton, Mauerwerk und Glas. Weiterhin sind leicht zu reinigende Baustoffe als Oberflächen von Bauteilen wie z.B. Fliesen als Bodenbelag und Wandverkleidung zu bevorzugen. Für Außenwände, Decken und Fußböden sind Bauarten zu vermeiden, deren bautechnische Funktionen bei einer andauernden Überflutung aufgrund ihrer Schichtenfolge erheblich beeinträchtigt werden können. Darunter fallen z.B. Leichtbau- und Holz-Rahmenkonstruktionen oder Feuerschutzabschlüsse aus oder mit wasserempfindlichen Baustoffen. Zudem ist darauf zu achten, dass die verwendeten Baustoffe für Außenwände, Decken und Fußböden nach einer Überflutung mit vertretbarem Aufwand wieder getrocknet werden können. 

In folgender Tabelle werden verschiedene Baustoffe bzw. Ausführungsformen von Bauteilen aufgelistet in Abhängigkeit von ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber Wassereinwirkung.

Eignung verschiedener Baustoffe im Hochwasserschutz (nach BMVBS 2013)

Gewerk

Baustoff oder Ausführungsform

Widerstandsfähigkeit gegen Wassereinwirkung

 

Baustoffe

Kalk

Gut geeignet

 

 

 

Gips

 

 

Ungeeignet

 

Zement

Gut geeignet

 

 

 

Gebrannte Baustoffe

Gut geeignet

Mäßig geeignet

 

 

Lehm (je nach Einwirkzeit)

Gut geeignet

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Steinzeugwaren

Gut geeignet

 

 

 

Bitumen (Anstrich und Bahnen)

Gut geeignet

 

 

 

Metalle (je nach Art)

Gut geeignet

Mäßig geeignet

 

 

Kunststoffe (je nach Art)

Gut geeignet

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Holz (je nach Art)

 

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Textilien

 

 

Ungeeignet

 

Saugende Materialien

 

 

Ungeeignet

 

Bodenplatte

Wasserundurchlässiger Beton

Gut geeignet

 

 

 

Bodenaufbau

Estrich

Gut geeignet

Mäßig geeignet

 

 

Schwimmender Estrich

 

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Anhydritestrich

 

 

Ungeeignet

 

Holzbalken

 

Mäßig geeignet

 

 
 

Bodenbelag

Naturstein (Granit, Dolomit)

Gut geeignet

 

 

 

Sandstein

 

 

Ungeeignet

 

Marmor

 

 

Ungeeignet

 

Kunststein

Gut geeignet

 

 

 

Fliesen (je nach Art)

Gut geeignet

Mäßig geeignet

 

 

Epoxydharzoberflächen

Gut geeignet

 

 

 

Parkett/Laminat

 

 

Ungeeignet

 

Holzpflaster

 

 

Ungeeignet

 

Massivholz

 

 

Ungeeignet

 

Kork

 

 

Ungeeignet

 

Textile Beläge (Teppich, Teppichbeläge)

 

 

Ungeeignet

 

Linoleum

 

 

Ungeeignet

 

Wände

Kalksandsteine

Gut geeignet

 

 

 

Gebrannte Vollziegel

Gut geeignet

 

 

 

Hochlochziegel

 

Mäßig geeignet

 

 

Klinker

Gut geeignet

 

 

 

Beton

Gut geeignet

 

 

 

Gasbeton

 

Mäßig geeignet

 

 

Lehm (je nach Einwirkzeit)

 

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Leichte Trennwände (Gipsplatten)

 

 

Ungeeignet

 

Holz (Bretter, Spanplatten, Gefache)

 

 

Ungeeignet

 

Glasbausteine

Gut geeignet

 

 

 

Wärmedämmverbundsysteme

 

 

Ungeeignet

 

Außenhaut

Mineralische Putze (Zement, hydr. Kalk)

Gut geeignet

 

 

 

Verblendmauerwerk mit Luftschicht

Gut geeignet

 

 

 

Steinzeugfliesen

Gut geeignet

 

 

 

Wasserabweisende Dämmung

Gut geeignet

 

 

 

Kunststoffsockel

Gut geeignet

 

 

 

Faserzementplatten

Gut geeignet

 

 

 

Faserdämmstoffe

 

 

Ungeeignet

 

Putz

Mineralischer Zementputz

Gut geeignet

 

 

 

Kalkputz (hydraulische Kalke)

Gut geeignet

 

 

 

Gipsputze

 

 

Ungeeignet

 

Lehm (je nach Einwirkzeit)

Gut geeignet

Mäßig geeignet

 

 

Spezialputze (hydrophobiert)

Gut geeignet

 

 

 

Kunstharzputze

Gut geeignet

 

 

 

Anstrich

Mineralfarben

Gut geeignet

 

 

 

Kalkanstrich

Gut geeignet

 

 

 

Dispersionsanstrich

 

 

Ungeeignet

 

Wandverkleidung

Tapeten

 

 

Ungeeignet

 

Fliesen

Gut geeignet

 

 

 

Holz

 

 

Ungeeignet

 

Textilien

 

 

Ungeeignet

 

Gipskartonplatten

 

 

Ungeeignet

 

Kork

 

 

Ungeeignet

 

Fenster

Holz (ja nach Art)

 

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Kunststoff

Gut geeignet

Mäßig geeignet

 

 

Aluminium

Gut geeignet

 

 

 

Verzinkter Stahl

Gut geeignet

 

 

 

Fensterbänke

Marmor

 

 

Ungeeignet

 

Sonstiger Naturstein (z.B. Granit)

Gut geeignet

 

 

 

Holz (je nach Art)

 

Mäßig geeignet

Ungeeignet

 

Beschichtetes Aluminium und Metall

Gut geeignet

 

 

 

Sandstein

 

 

Ungeeignet

 

Schiefer

 

Mäßig geeignet

 

 

Türen

Holzzargen

 

 

Ungeeignet

 

Metallzargen

Gut geeignet

 

 

 

Holztüren

 

 

Ungeeignet

 

Edelstahltüren

Gut geeignet

 

 

 

Treppen

Beton

Gut geeignet

 

 

 

Holz

 

 

Ungeeignet

 

Verzinkte Stahlkonstruktion

Gut geeignet

 

 

 

Massivtreppen aus Naturstein

Gut geeignet

 

 

 


Umgang mit Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung

Die Anlagen der technischen Gebäudeausstattung dienen dazu, die für die jeweilige Gebäudenutzung erforderlichen Versorgungen z.B. der Energie- und Wasserversorgung zu gewährleisten. Diese müssen an den zu erwartenden Bemessungshochwasserstand angepasst werden, um zum einen eine Gefährdung von Personen auszuschließen und zum anderen eine zügige Wiederinbetriebnahme der Gebäudenutzung nach einem Hochwasserereignis sicherzustellen.

Zum Schutz der technischen Gebäudeausrüstung vor Hochwasser werden in der VDI-Richtlinie „Schutz der technischen Gebäudeausrüstung vor Hochwasser“ (VDI 6004) vielfältige Hinweise und Empfehlungen formuliert. Vor einem Hochwasser ist grundsätzlich zwischen den Maßnahmen zu unterscheiden, die bereits bei der Planung nach den anerkannten Regeln der Technik zu berücksichtigen sind und den Vorkehrungen, die im Hinblick auf die Verhaltensvorsorge getroffen werden.

Umgang mit Inventar

In hochwassergefährdeten Gebäudeteilen wie z.B. Kellerräumen sollte grundsätzlich keine Nutzung in Verbindung mit hochwertigen Anlagen bzw. Einrichtungen vorgesehen werden. Ebenso sollte von Nutzungen abgesehen werden, von welchen im Hochwasserfall eine Gefahr für die Nutzer und die Umwelt ausgehen können. Anlagen und Einrichtungen, die für die Funktionalität eines Gebäudes wichtig sind (u.a. Heizungsanlagen) sollten in Gebäudeteilen untergebracht werden, die nicht überflutungsgefährdet sind.

Sind bereits Inventar, betriebliche Anlagen und Einrichtungen in überflutungsgefährdeten Räumen vorhanden, so sollten diese möglichst ohne großen Aufwand demontiert und ausgelagert werden können. Im Fall eines drohenden Hochwassers müssen für die Evakuierung des Inventars ausreichende und geeignete Ausweichräume zur Verfügung stehen.

Um die Auslagerung des durch Hochwasser bedrohten Inventars rechtzeitig und reibungslos durchzuführen, sollten zur Vorsorge im Rahmen eines Notfallplans die jeweils notwendigen Maßnahmen konkret festgelegt und die erforderlichen Kapazitäten (z.B. Personen, Transportmöglichkeiten) vorgehalten werden. Wer innerhalb dieses Notfallplans welche Aufgaben übernimmt, sollte vor einem Hochwasser vereinbart und die Durchführung regelmäßig mit den verantwortlichen Personen geübt werden, damit der Einsatz im Hochwasserfall reibungslos abläuft. Dabei können die Aufgaben unter Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn aufgeteilt werden. Eine gut organisierte nachbarschaftliche Hilfe im Hochwasserfall ist eine sehr effektive und sinnvolle Maßnahme, von der alle profitieren.

Häufig stehen bei der Auslagerung des Inventars materielle Dinge im Vordergrund, obwohl in erster Linie Unterlagen oder ideelle Werte ausgeräumt werden sollten, da diese im Nachhinein nur mit großem Aufwand oder gar nicht wieder beschafft werden können. Schwere und sperrige Gegenstände, die nicht aus den gefährdeten Räumen transportiert werden können, sollten möglichst mit einer ausreichenden Anzahl an Stützen gesichert werden. 

Hochwasserangepasste Sicherung und Lagerung wasser- und umweltgefährdender Stoffe

Das Sichern von wasser- und umweltgefährdenden Stoffen stellt eine Ergänzung der Bauvorsorgestrategien dar. Sie umfasst Maßnahmen um die verschiedenen Anlagen der Gebäudetechnik, z. B. Heizöl- oder Gastanks, gegen Aufschwimmen oder eindringendes Wasser zu schützen und somit eine Kontamination der Umwelt zu verhindern. Weiteres Augenmerk muss auf die Lagerung und Sicherung leicht wegschwemmbarer Gegenstände im oder am Gebäude und auf dem Grundstück (z.B. Brennholz, Grünschnitt, Mülltonnen etc.) gerichtet werden. Diese Gegenstände sollten immer gesichert werden, da sie zu einer Verklausung beitragen können, was eine Eigengefährdung sowie eine Gefährdung Dritter bedeuten kann.

Die hochwasserangepasste Sicherung und Lagerung von wasser- und umweltgefährdeten Stoffen sollte grundsätzlich in allen Strategien der Bauvorsorge berücksichtigt werden.